Abnabeln vollzieht sich langsam, mit Zeit und Geduld und Gespür für den richtigen Moment. Von Beginn an – und so bleibt das noch eine ganze Weile.

So, und dann? Wie wird eines Tages ein Bauchnabel daraus? Muss ich was machen, reinigen, darf ich baden? Wie lange dauert es, bis das daraus wird, was man so als Bauchnabel kennt?

Wenn dein Baby dann nach der Geburt abgenabelt wird, klemmt die Hebamme die Nabelschnur mit diesem gefrierclipähnlichen Teil, den du oben im Bild siehst, ab. Und dann wird die Nabelschnur den üblichen biologischen Prozessen nicht mehr durchbluteter Gewebe überlassen: Sie mumifiziert so vor sich hin.

Dieser Prozess dauert ein paar Tage, meistens so eine gute Woche. Die Verbindung lockert sich allmählich, der Nabel wird wackeliger und ein bisschen bräunliches Wundsekret klebt manchmal drumrum oder am Body. Meiner Erfahrung nach ist den Eltern dieser kleine Nabelrest immer ein bisschen unheimlich. Sieht komisch aus, müffelt etwas, aber genau so soll das. Machen musst du: gar nichts.

Ich bin ja grundsätzlich eher so der minimalistische Typ. In verschiedenen Lebensbereichen aus reiner Bequemlichkeit, an dieser Stelle deshalb, weil es einfach nichts braucht, damit der Nabel gut und einfach abfällt und irgendwann in den Body kullert. Vor allem braucht es keine desinfizierenden Maßnahmen, zumindest nicht außerhalb der Klinikmauern. Das führt allerhöchstens dazu, dass die gesunden Hautkeime, die für den Abfallprozess  notwendig sind, schön wegdesinfiziert werden und man damit den Nabel so, wie er ist, konserviert. Haltbar macht. Er soll, mit Verlaub, aber einfach abgammeln. So sieht es aus, wie man auf dem Bild schon erahnen kann, und so riecht es auch.

Mein persönlicher kleiner Nabelguide sieht so aus:

Abnabeln vollzieht sich langsam, mit Zeit und Geduld und Gespür für den richtigen Moment. Von Beginn an – und so bleibt das noch eine ganze Weile.

  1. Studien sagen, dass es ziemlich egal ist, was man tut. Alles oder auch nichts führt dazu, dass ein Nabel ein Nabel wird. So ist das oft in der Medizin (nur gibt man das manchmal nicht so gern zu).
  2. Selbst “Luft dran außerhalb der Windel” oder “feuchtwarm einfach mit drin” macht vermutlich keinen Unterschied. Die derzeitigen Lehrmeinungen zum Thema “Wundheilung” sind im Trend tatsächlich eher “Team feuchtwarm”. Und Pipi ist auch weniger “Iiihhh” als man so denkt.
  3. Wenn es anfängt, ein bisschen zu suppen (ist normal! gesunder Prozess!) kann man ein bisschen drumrum reinigen. Womit, ist Geschmacksache, ich nehme am liebsten einen sauberen Waschlappenzipfel mit warmen Wasser. Perfektionisten nehmen sterile 0,9%-ige Kochsalzlösung aus der Apotheke, it´s-all-so-nature-Mamas gewinnen irgendwie ein paar Tropfen Muttermilch, Hygiene-Hysteriker Desinfektionsmittel. Bis auf letzteres: Mach, wie du willst.
  4. Was auch geht: Calendula-Öl (nicht Tinktur! Die brennt!) oder ein mit Wasser angefeuchtetes Öltuch (ist eh eines meiner Lieblings-covinient-Reinigungstipps, dazu irgendwann mal später). Waschlappen, Wattepads, Kleenex, Q-Tip: auch wurscht. Ich nehme das, was da ist.
  5. Wenn der Nabel ab ist, reinigt deine Hebamme den Nabel einmal gründlich. Oft kommt auch in den nächsten Tagen immer noch etwas feuchtes Sekret – auch ganz normal! Das kannst du mit den obigen Mitteln hin und wieder vorsichtig ablösen.
  6. Der Nabelgrund sieht oft anfangs gelblich-glänzend aus. Nein, das ist kein Eiter!
  7. Manchmal bildet sich auch ein kleines Schorfkrüstchen – auch das fällt in ein paar Tagen ab, auch daran nicht herumpulen.
  8. Manchmal hat sich auch ein kleines Nabelgranulom gebildet. Das sieht aus wie ein winziges, gräuliches Blumenkohlröschen in der Mitte des Nabels. Kleine Granulome trocknen innerhalb weniger Tage weg, größere brauchen mehr Zeit und manchmal eine Prise Salz (ernsthaft, aber ob und was es braucht, sieht und entscheidet deine Hebamme).
  9. Seit 15 Jahren mindestens jedenfalls nicht benutzt: Einen Ätzstift. Hat man früher regelmäßig gemacht “Geht dann schneller, das mit dem Nabel”, heute liegt der noch in einigen Kinderarztschubladen ganz hinten rum. Nicht! Machen! Gibt nicht selten ganz, ganz böse Verätzungsverletzungen. Aua!!!
  10. Wie der Nabel dann später mal aussieht: Weiß kein Mensch und auch deine Hebamme, die manchmal zaubern kann, hat da keinen Einfluss drauf.

Das wars auch schon – mal wieder alles ganz einfach 😉

Oder man kann sich draufsetzen und sich dabei gleichzeitig bewegen, wippen, Becken kreisen. Nicht umsonst ist jeder Kreißsaal der Republik mit so einem Ball ausgestattet.

Mit ihm werden Wehen erstens halbwegs ertragbar und zweitens durch die verschiedensten aufgerichteten Haltungen möglichst effektiv.

Auch vorher, in der Schwangerschaft (sitzen/ Rückenschmerzen) und hinterher (Baby/ schuckeln) ist so ein Teil klasse. Problem für uns Interieur-Styler: Besonders toll sehen die definitiv nicht aus. Die Gummioberfläche mag im Kreißsaal praktisch sein (Stichwort: abwischbar), zuhause ist das haptisch auch eher so mittelschön.

Gestern lief mir dieser hier übern Weg. Kluwen heißt er. Ist der nicht toll? Ein Objekt, und gleichzeitig ein benutzbares Sitzmöbel. Wunderschön!

Kleiner Haken: der Preis – er kostet leider schlappe 1.200 Euro. Nehmen wir´s als Kunst am Bau … Sobald ich mir den leisten kann, kaufe ich einen für meine Praxis. Von raumgestalt.

Spätestens zu Beginn der zweiten Lebenswoche dann beginnt die Milch sichtbarer zu fließen, sie rinnt beim Stillen aus der jeweils anderen Brust, plötzlich verstehst Du, wozu denn Stilleinlagen da sind. Bis zum Ende der zweiten Lebenswoche hat Dein Baby vermutlich seinen anfänglichen und normalen Gewichtsverlust von etwa 7 bis höchstens 10% des Geburtsgewichts wieder aufgeholt.

Ein Baby, das genug Milch bekommt, hat täglich mindestens sechs nasse Windeln und mindestens zweimal Stuhlgang etwa ab dem 4. Lebenstag. Seltenerer Stuhlgang ist ab einem Alter von ca. 6 Wochen ok., davor ist es meistens ein Zeichen von zu wenig Milch. Ab jetzt nimmt Dein Baby etwa 150 g pro Woche zu, das ist – je nach Literaturangabe – die untere Grenze. Nach oben hin gibt es keine! (Aber das ist ja hier nicht Thema für diesen Artikel)

Wenn die Milch hingegen nicht ausreicht, sind die Symptome dafür eben die: Das Baby gedeiht nicht (Deine Hebamme wird es – je nach Symptomlage mehr oder weniger häufig wiegen und das „Gefühl“ damit objektivieren), es wirkt ständig unzufrieden. Letztlich will es über weite Strecken des Tages am liebsten non-stop an Deinem Busen sein, schläft aber trotzdem zwischendurch nie so richtig zufrieden ein.

Was kannst Du nun tun, um Deine Milch effektiv zu steigern? Wichtig bei all diesen Dingen ist es meiner Erfahrung nach, damit BALD zu beginnen und nicht zu lange nach dem Motto „ach, wird schon“ rumzueiern. Nutze die frühe Zeit, um die Milchproduktion wirklich effektiv anzukurbeln! In den ersten beiden Lebenswochen ist dieses Zeitfenster weit offen, aber das bleibt es nicht ewig. Frustrierend sind Verläufe, in denen nach sechs Wochen, 100 g über dem Geburtsgewicht, irgendwann der Kinderarzt bei der U3 stutzig wird und alarmiert ist (in solchen Fällen ganz zu Recht) und man dann mal langsam anfängt zu überlegen, was da wohl doof gelaufen ist, nun aber dann gleich mit dem Zufüttern von Kunstmilch beginnen muss, weil es wirklich höchste Eisenbahn ist.

In solchen Situationen hilft eine gute Tabelle, um die Stillmahlzeiten über die nächsten Tage hinweg genau zu dokumentieren und das subjektive Gefühl in konkrete Zahlen zu fassen. Nicht selten berichten nämlich die Eltern: Das Kind trinkt ganz oft und ganz viel – und anhand der wirklichen Dokumentation sieht man dann aber, dass das Baby nicht täglich auf acht Mahlzeiten kommt, die Stillmahlzeiten effektiv auch selten länger sind als 5 Minuten oder die Abstände sind hier und da viel zu lang sind. Eine Tabelle zum Download findest Du hier.

Es stimmen an diesem Punkt beide Dinge: Oft kann man das Zufüttern von Kunstmilch vermeiden und ein verfrühtes „Das Kind braucht jetzt was Richtiges“, drei Tage nach der Geburt, ist fast nie notwendig. Aber: Wenn das Baby wirklich dramatisch an Gewicht verloren hat, keine Gewichtszunahme in den oben beschriebenen Grenzen zu verzeichnen ist, muss man wirklich etwas tun. Je früher, umso effektiver. Und ggf. braucht das Kind wirklich Futter, und manchmal eben auch zusätzlich zur Muttermilch „aus der bösen Flasche“. Und ja, manchmal müssen auch Hebammen „unpopuläre Entscheidungen“ treffen … Chronisches Unterzuckern in den ersten Lebenswochen ist nicht gut fürs Gehirn. Zu wenig trinken nicht gut für die Niere. Zu wenig Ausscheidung nicht gut für den Verlauf der Neugeborenengelbsucht.

Also: Die richtigen Dinge machen.

Erstens.

Anlegen, anlegen, anlegen. Oft und lange. Konkret: mindestens alle 2-3 Stunden für mindestens 15 min. Die Milchbildung gehorcht marktwirtschaftlichen Gesetzen und wird durch die gesteigerte Nachfrage mit einer angekurbelten Produktion reagieren. Wenn Dein Baby nach kürzerer Zeit schon nicht mehr hörbar schluckt oder ungeduldig wird (manche Baby zerren knurrend an der Brust herum wie ein kleiner Hund), wechsele die Seite. Rechts-links-rechts-links.

Damit löst Du häufige Milchspendereflexe aus, die wiederum signalisieren Deinem Körper: Mehr Milch bilden bittesehr!

In der „Milchbildungsanpassungsphase“ der ersten beiden Wochen oder in Wachstumsschüben reicht diese Maßnahme meist völlig aus. Der „Baby will aber mehr als gerade da ist“-Zustand, lässt sich mit Geduld und Spucke relativ schnell und sicher lösen.

Zweitens.

Richtig anlegen. Für eine ausreichende Milchproduktion ist es wichtig, dass die Brüste auch effektiv leer getrunken werden. Rumschnullern reicht dafür nicht! Lasse deine Hebamme noch mal genau zugucken, was genau Dein Baby an Deiner Brust macht.

Drittens.

Für Dich: Ruhe, gut essen, liegen, schlafen. Lege Dich mit Baby ins Bett, kuscheln, Körperkontakt, ganz viel Stillen und lasse Dir Schnittchen, Suppe und Tee ans Bett servieren. Bei einer Kalorienzufuhr von unter 1500 Kalorien sinkt signifikant die Milchmenge. Also: Hau rein, guten Appetit! Besuch absagen.

Viertens.

Das ganze am besten: Nackt! Hautkontakt steigert nachweislich die Oxytocinproduktion und damit fließt die Milch schneller und leichter. Eine Dir skeptisch über die Schulter starrende Schwiegermutter senkt sie übrigens – ebenfalls nachweislich.

Fünftens.

Nahrungsergänzung: Galactagoga, traditionelle phytotherapeutische Mittel zum Steigern der Milchbildung, können eine Ergänzung sein, nicht mehr und nicht weniger. Dabei ist (gemahlener) Bockshornklee an allererster Stelle zu nennen, am einfachsten und standardisierbar sind Kapseln. Nimm von dem Pulver etwa 2,5-3 g pro Tag, mindestens zwei Wochen lang. Ein häufig empfohlenes Produkt sind die Kapseln von Dr. Pandalis, nimm davon 4-5 mal täglich 2 Stück. Bockshornklee gibt es auch gemahlen als Gewürz, damit kann man gut Suppen, Eintöpfe oder auch Käsebrot würzen. Es schmeckt herb-würzig, ich persönlich finde es ganz lecker. Gibt es am ehesten in gut sortierten Bio- oder Gewürzläden. Achtung, wenn Du es hochdosiert nimmst, wirst Du anfangen, etwas nach Maggi zu riechen … Auch einige Stilltees enthalten Bockshornklee  – zum Beispiel mein Milchmädchen hier! Er kann eine schöne, ritualisierte Ergänzung in Deinem “mehr-Milch-Programm” sein und Dich an regelmäßiges Trinken erinnern.

Sechstens.

Massage: Für die Anregung eines besseren Milchflusses ist ein Erwärmen der Brust vor dem Stillen (praktisch ist eine Rotlichtlampe, die muss man einfach nur in die Steckdose steckern, alternativ feuchtwarme Umschläge mit Mullwindeln oder Handtüchern) hilfreich. Danach massiere jede Brust 1-2 Minuten lang mit eingeölten Händen, gut geht das zum Beispiel mit diesem Stillöl  oder diesem hier, beide von Weleda. Dazu setze Dich etwas vornübergebeugt hin, nimm eine Hand oben auf die Brust, die andere Hand unter den Busen. Dann „rolle“ die Brust sanft in den Händen hin- und her. Auch eine Massage des Nackens und oberen Rückens (zwischen den Schulterblättern) ist ganz toll. Hier sitzen auch Reflex- und Akupunkturpunkte, die direkt mit dem Busen in Kontakt sind! Sag Deinem Mann also: Dies ist eine rein medizinische Indikation!

Siebtens.

Elektrische Milchpumpe: Wahrscheinlich ist, je nach Ausprägung des tatsächlichen Milchmangels, auch der Einsatz einer elektrischen Pumpe eine gute Idee. Damit kannst Du nach jedem Stillen nachpumpen. Erstens entleerst Du damit Deine Brüste (nahezu) vollständig und signalisiert den milchbildenden Alveolen damit „Neubildung, bitte“, zweitens löst Du damit auch noch mal den einen oder anderen Milchspendereflex aus. Deine Hebamme stellt Dir dazu eine Verordnung aus, die Kosten übernimmt dann die Krankenkasse. Am besten besorgst Du Dir eine Medela-Pumpe, und zwar die Symphonie. Eine Verleihstation (meistens Apotheken in Deiner Nähe) findest Du hier. Kaufe unbedingt ein Doppelpumpset (das steht sinnvollerweise auch auf der Hebammenverordnung), dann sparst Du Zeit und kannst an beiden Brüsten gleichzeitig abpumpen. (Ja, ich weiß, was Du jetzt für Bilder im Kopf hast. Und ja, als Mutter findet man sich regelmäßig in skurilen und nie vermuteten Situationen wieder.)

Achtens.

Wenn Du eine Pumpe hast, kannst Du dann auch noch 1-2 mal am Tage etwas machen, das man „Clusterpumpen“ nennt. Dazu würdest Du eine Stunde lang pumpen. Wann, ist egal. Wenn Dein Baby Kunstmilch dazugefüttert braucht, am besten unmittelbar danach, damit Du überhaupt pumpen kannst und das Baby nicht „dazwischenkommt“. Und zwar in diesem Rhythmus: 5-10 min pumpen (oder bis der Milchfluss versiegt ist, mindestens aber so lange, dass Du den Milchspendereflex – ein kribbeliges, manchmal auch „piekiges“ Ziehen, ausgehend von den Brustwarzen – deutlich gespürt hast) und dann 10 min Pause. Im Wechsel, insgesamt eine Stunde lang. Möglicherweise ist zum Abschluss gar nicht so viel Milch in der Flasche, sei nicht enttäuscht. Es ist eine weitere Maßnahme zum Anregen der Milchproduktion. Dennoch kann Dein Baby natürlich auch diese kostbaren Tropfen Milch als „Nachtisch“ nach der nächsten Stillmahlzeit bekommen.

Neuntens.

Wenn das alles nichts hilft: Spätestens jetzt sollte Deine (hoffentlich) erfahrene Hebamme konsequent und engmaschig im Boot sein oder Du suchst Dir ergänzend dazu kurzfristig (in den nächsten drei Tagen!) eine Stillberaterin IBCLC.

Zehntens.

Wenn das alles nicht ausreicht, sollte man an andere medizinisch abzuklärende Dinge denken: Die Schilddrüsenwerte überprüfen und ggf. über ein milchsteigerndes Medikament (Domperidon) nachdenken. Das ist dann alles Sache Deiner Hebamme oder Deiner Stillberaterin. Domperidon ist rezeptpflichtig und wird zur Milchmengensteigerung im so genannten „off-Label“-Verfahren eingesetzt. Dazu findest Du mehr bei Regine Gresens hier (link).

Ich weiß, das ist ein absolut tagesfüllendes Programm. Ich weiß, dass ist nicht das, was Du Dir unter: „Stillen ist total schön. Und sooo praktisch!“ vorgestellt hast. Ich weiß aber auch: Fast immer lohnt es sich! Es bleibt NICHT so! Nach einer, spätestens zwei Wochen, wirst Du Erfolge sehen. Wenn nicht, kannst Du immer noch neu entscheiden und umdenken. Wenn Du diese Maßnahmen aber nicht oder nur halbherzig machst, bist Du möglicherweise zwei Wochen später sehr traurig darüber, dass Du nicht „alles gegeben“ hast, und dann die Milchbildung endgültig versiegt ist. Dann ist es nämlich leider meistens zu spät.

Also: Es lohnt sich. Wirklich.

Oft ist dann die nahe liegende Idee: Das Baby hat Bauchweh! Denn irgendetwas muss es ja sein. Und Bauchweh erscheint den ratlosen Erwachsenen zumindest halbwegs plausibel – und man hat eine „richtige Diagnose“. Das hilft schon mal, denn sie benennt zumindest das Problem und nimmt es ernst. Das war es dann aber meist auch schon – denn alle Tropfen oder Tees, Zäpfchen oder Öle, die zu diesem Zweck verkauft werden, wirken nicht so, wie man es sich gewünscht hat: meistens wenig oder gar nicht oder nur zufällig. Und, dies ist der nächste Gedanke des gesunden Menschenverstandes, sie würden wirken, wenn das Weinen des Babys ganz stofflich-organisch und tatsächlich Blähungen oder Koliken als Ursache hätte.

Die neuere Forschung geht mittlerweile davon aus, dass es sich bei den typischen „Dreimonatskoliken“ um einen Mythos handelt. Oder dass zumindest „der Bauch an sich“ gar nicht das Problem darstellt, sondern dass es sich um eine generelle Unreifesymptomatik handelt.

Ein Baby kommt, verglichen mit anderen Säugetieren, sehr unfertig auf die Welt. Verglichen mit einem Zebrafohlen oder einem Kälbchen kann ein Baby viele Monate lang eigentlich noch gar nichts allein. Deshalb nennt man das erste Lebensvierteljahr eines Babys auch häufig „das vierte Schwangerschaftstrimenon“.

Nun müssen Babys unmittelbar nach der Geburt sehr plötzlich ihre gemütliche und vertraute Umgebung aufgeben, und damit unter anderem auch ihre Nabelschnurversorgung. Sie müssen selbst für ihre Nahrung sorgen, Milch trinken und diese dann verdauen. Das ist eine enorme Herausforderung für Dein Baby!

Und das merkt man ihm auch an: Verdauen ist Arbeit! Es strampelt, windet sich, zieht die Beinchen an. Es drückt, knurrt, schnauft, wird dabei rot im Gesicht vor lauter Anstrengung. Es pupst wie die Weltmeister. Und weint, kurz bevor es dann endlich, erlösend, in die Hose macht.

All das tun alle Babys, das ist vollkommen normal. Verdauen ist Arbeit mit Ganzkörpereinsatz.

Ein Ansatz zur Erklärung des Phänomens, das so viele Eltern beschäftigt, ist eher ein neurophysiologisches. Babys kommen eben auch mit einem (natürlich noch) unreifen Nervensystem auf die Welt. War es in der Gebärmutter noch sehr gleichförmig, warm, „nah bei Mama“ und bezogen auf alle Sinne recht homogen, so muss Dein Baby nun, kaum ist es auf der Welt, nicht plötzlich nur „essen und verdauen“.

Es muss auch unglaublich viele Reize verarbeiten. Alle Sinneswahrnehmungen haben sich für dein Baby mit der Geburt vollkommen verändert. Die Geräusche sind anders, es gibt keinen „mütterlichen Klangteppich“ mehr. Es ist hell und verdammt bunt auf dieser Welt. Dein Baby liegt in seinem Bettchen und spürt dort nur die Unterlage, drumherum ist freier, „leerer Raum“. Es muss sich mit all dem vollkommen neu orientieren. All diese Reize verursachen quasi ein wildes Neuronengewitter im Gehirn Deines Babys.

Es scheint, dass Babys, die viel weinen, damit zu Beginn ihres Lebens überfordert sind. Hinzu kommt, dass die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen und „einfach einzuschlafen, wenn es müde ist“ noch nicht vorhanden ist. Autoregulation nennt man das. Babys, die viel weinen, scheinen es mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus schwerer zu haben. Oft wachen sie schnell wieder auf, schlafen nur kurz und oberflächlich und erreichen selten den entspannenden Tiefschlaf. Das Einschlafen und Sich-selbst-beruhigen, muss das Baby erst lernen, es braucht am Anfang dazu die Hilfe und Unterstützung der Eltern.

Am ehesten gelingt dies, indem Du Dich in die Welt Deines noch ungeborenen Babys hineinversetzt und auf verschiedenen Ebenen gebärmutterähnliche Verhältnisse schaffst. Diese Welt ist ihm vertraut und macht es ihm leichter, etwas allmählicher auf dieser ganz neuen Welt anzukommen.

  • Es ist sicher nicht mein erster Tipp, mit Deinem Baby zu sämtlichen Autoritäten zu rennen, wie Kinderarzt, Osteopath, Physiotherapeut. Dein Baby ist nicht krank, nicht unnormal, nicht irgendwas. Es ist ein Baby. Und Ihr alle müsst erstmal in diesem neuen Leben ankommen, das man sich streckenweise schlicht SO überhaupt nicht vorgestellt hat.
  • Und doch: Mittlerweile gibt es in allen größeren Städten so genannte „Schreiambulanzen“. Wenn es wirklich schlimm ist, kann das eine ganz wertvolle Anlaufstelle sein, um Deinen Kontakt zu Deinem Kind zu stärken und die Mama-Baby-Kommunikation verständnisvoller zu gestalten.

Das hilft Deinem Baby

  • Herumtragen, also intensiver, naher Körperkontakt ist oft das Einzige, was hilft. Ein Tragetuch kann da entlastend sein, weil Du beide Hände frei hast, um etwas zu essen, ein paar Tassen in den Geschirrspüler zu stellen oder einfach ein bisschen „herumzupuzzeln“.
  • Auch das so genannte „Pucken“, also das feste Einwickeln des Babys gibt Halt und Begrenzung und tut vielen Babys gut. Deine Hebamme kann Dir zeigen, wie das geht.
  • Es ist erwiesenermaßen vollkommen egal, was Du isst oder trinkst! Deine Ernährung ist nicht verantwortlich dafür, dass Dein Baby weint oder mit seinem Bäuchlein zu kämpfen scheint.
  • Sehr bald hast Du auch ein Gespür dafür, welche Tageszeiten besser oder schwieriger sind. Richte Deinen Tagesablauf danach – Dein Baby wird nicht auf Deine Essens- und Schlafbedürfnisse Rücksicht nehmen können. Wenn es mal schläft: Erst essen, dann duschen. In dieser Reihenfolge. An ganz guten Tagen geht vielleicht sogar beides. Wenn Du „schnell mails checken oder staubsaugen“ davor gepackt hast: rächt sich das!
  • Oder gleich mit Baby ins Bett und im Liegen stillen. Mit Glück schlaft Ihr beide dabei ein!
  • Sorge für eine reizarme Umgebung. Verschiebe Ausflüge zur nächsten H&M-Filiale und zu IKEA auf später. Lade sparsam Besuch ein und nur Menschen, die Du wirklich gerne um Dich hast.
  • Treffe Dich mit Freundinnen oder anderen Müttern zum Spazierengehen. Das geht am ehesten zu verabredeten Zeiten. Zu Hause oder im Café ist fast immer viel schwieriger. Latte-to-go ist, da bin ich mir vollkommen sicher, erfunden worden für frische Mütter!
  • Sorge für Deine eigene Entlastung, damit diese auch für Dich so anstrengende Phase etwas leichter wird. Es ist wichtig, dass Du Deine Akkus auflädst. Wenn Du für Deine Entspannung sorgst, sorgst Du auch für die Entspannung Deines Kindes. Also: Organisiere eine Putzfee, kaufe online ein, nimm die Angebote der Omas an (wenn das für Dich eine wirkliche Entlastung ist). Eine halbe Stunde Kaffee trinken im Lieblingscafé, während die Studentin von gegenüber mit dem Kinderwagen um den Block schiebt, kann Gold wert sein!

Und bei allem, was so anstrengend ist in dieser neuen Zeit für Dich als Mutter: Denke immer daran – es ist eine Phase. Wenn dein Baby drei bis vier Monate alt ist, macht es einen enormen Entwicklungssprung. Es ist dann sozusagen „angekommen“. Und dann wird Vieles wieder ein bisschen einfacher.